Bei Milchkühen soll die Ration genug Energie liefern und zugleich das Wiederkauen fördern. Dafür zählen sowohl der Fasergehalt des Futters als auch die Partikelgröße: Die Futterpartikel müssen grob genug sein. Diese körperliche Wirkung des Futters auf Kauen und Pansen heißt Strukturwirkung.
Mehr Faser hilft, wenn sie die Wiederkautätigkeit und damit den Speichelfluss unterstützt, ohne die Futteraufnahme und Energieversorgung auszubremsen. Entscheidend sind deshalb Partikelgröße, Verdaulichkeit und die Menge leicht abbaubarer Kohlenhydrate. Die Zahlen und Verfahren unten beziehen sich vor allem auf laktierende Milchkühe. Sie lassen sich nicht pauschal auf Kälber oder Schweine übertragen.
Wie grobe Futterpartikel den Pansen unterstützen
Grobe Futterpartikel regen die Kuh zum Wiederkauen an. Beim Wiederkauen bildet die Kuh Speichel mit Puffersubstanzen. Diese helfen, den pH-Wert im Pansen zu stabilisieren, während Mikroben Futterbestandteile im Pansen abbauen und dabei Säuren freisetzen. Besonders relevant ist das bei Rationen mit viel Stärke und Zucker, die im Pansen schnell abgebaut werden.
Für die Strukturwirkung kommt es darauf an, wie grobe Futterpartikel beim Kauen reizen. Eine Ration mit viel Rohfaser kann trotzdem wenig Strukturwirkung haben, wenn das Futter sehr fein gehäckselt ist. Umgekehrt sagt der Rohfasergehalt allein wenig darüber aus, ob die Partikel lang genug sind, um das Wiederkauen anzuregen. Die GfE-basierte Bewertung der Wiederkäuerfütterung nennt Partikel von mehr als 8 mm als ausreichend grob und zerkleinerungswürdig.
Auch die anderen Bestandteile der Ration zählen. Pansenabbaubare Kohlenhydrate sind vor allem Stärke und Zucker, die im Pansen zerlegt werden. Steigt ihr Anteil, muss die Ration zugleich genügend strukturwirksames Futter bieten. Struktur gleicht eine ungünstige Zusammensetzung jedoch nicht unbegrenzt aus.
Strukturwirkung in der Praxis einordnen
Ein erster Schritt ist die Analyse der Ration auf Trockenmassebasis. Die Trockenmasse (TM) bezeichnet das Futter ohne Wasser und macht Futtermittel mit unterschiedlichem Feuchtegehalt vergleichbar. Für die Faserbewertung dient unter anderem die aNDFom. Dieser Messwert erfasst Zellwandbestandteile, nachdem das Futter mit Amylase behandelt und der Mineralstoffanteil herausgerechnet wurde. Die aNDFom aus Grobfutter zeigt, wie viel dieser Faser aus Grundfuttermitteln wie Gras- oder Maissilage stammt.
Für die Einordnung gibt es zwei Kennzahlen. Der Strukturindex (SI) setzt die aNDFom aus Grobfutter ins Verhältnis zu dieser Faser und den pansenabbaubaren Kohlenhydraten. Die GfE-basierte Berechnung verwendet die Abkürzung pabKH für pansenabbaubare Kohlenhydrate und lautet: SI = aNDFom aus Grobfutter / (aNDFom aus Grobfutter + (pabKH - 2,8) / 0,36) × 100. Für beide Werte muss dieselbe Bezugsgröße gelten. Ein SI von mindestens 50 lässt in diesem Bewertungsansatz einen Pansen-pH von etwa 6,15 erwarten. Der Index ist eine Schätzung, keine direkte Messung des Pansen-pH.
Die physikalisch effektive NDF (peNDF) bewertet, wie viel Faser durch Partikelgröße und Beschaffenheit tatsächlich zum Kauen anregt. Mit einer Schüttelbox lässt sich nachträglich prüfen, wie sich die Partikel in der Mischration verteilen. Für die GfE-Empfehlung zur peNDF über 8 mm genügt eine dreistufige Box. Die Quelle nennt mindestens 220 g peNDF je kg TM als Orientierungswert. Der Bewertungsansatz zielt auf einen mittleren täglichen Pansen-pH von mindestens 6,2. Wegen der unterschiedlichen Bewertungswege lässt sich dieser Wert nicht direkt mit dem SI-Ziel gleichsetzen.
Die Richtwerte hängen außerdem vom Rationstyp ab. Für Hochleistungsrationen nennt die Quelle mindestens 200 g aNDFom aus Grobfutter je kg TM; für andere Rationen mindestens 280 g je kg TM. Beide Angaben gelten in diesem System nur, wenn die Ration höchstens 210 g pansenabbaubare Stärke und Zucker je kg TM enthält. Das sind Orientierungswerte aus dem GfE- beziehungsweise DLG-System, keine pauschalen Vorgaben für jede Herde. Bei der Rationskontrolle sollten deshalb sowohl die Analysewerte als auch die tatsächliche Partikelverteilung der verfütterten Mischung berücksichtigt werden.
Wann mehr Faser zum Nachteil wird
Mehr Faser ist kein Selbstzweck: Wenn das Futter wenig verdaulich ist, begrenzt ein hoher Anteil grober, schwer abbaubarer Bestandteile die Futteraufnahme. Die Kuh müsste dann mehr Futter aufnehmen, um ihren Energiebedarf zu decken. Die langsame Verdauung und die Füllung des Pansens begrenzen jedoch, wie viel sie frisst. Die GfE-basierte Quelle warnt insbesondere bei mehr als 220 g peNDF über 8 mm je kg TM vor sinkender möglicher Futteraufnahme, wenn die Mischration wenig verdaulich ist.
Auch bei hoher Leistung kommt es auf die Menge und Art der Kohlenhydrate an. Laut derselben Quelle wird ein mittlerer Pansen-pH von mindestens 6,2 bei einer Futteraufnahme über 24 kg TM täglich und einem Gesamtstärkegehalt über 26 Prozent schwerer zu halten. Für die physikalische Wirkung von mehr Faser setzt die Quelle zudem eine Grenze, wenn täglich mehr als 3,5 kg pansenverfügbare Stärke aufgenommen werden. Diese Werte beschreiben Belastungen im jeweiligen Bewertungsansatz, keine allgemeingültigen Grenzwerte für jede Kuh.
Ein Praxisversuch mit 64 Fleckviehkühen zeigt den Zielkonflikt zwischen Grob- und Kraftfutter: Mit einem höheren Kraftfutteranteil stieg die gesamte Futteraufnahme, während die Kühe weniger Grobfutter fraßen. Bei gleicher Grobfutterqualität stieg mit mehr Kraftfutter auch die Milchleistung. Die Langzeitstudie untersuchte allerdings Kraftfutter- und Grobfutterverhältnisse, nicht direkt die Strukturwirkung. Sie zeigt daher keinen Beleg dafür, dass mehr oder weniger Struktur die Milchleistung verursacht.
Bei einer Rationsanpassung sollte daher nicht einfach zusätzliches Faserfutter in die Ration kommen. Zuerst sollten Fachleute prüfen, wie gut das Futter verdaulich ist, wie groß die Partikel sind und wie viel Stärke und Zucker die Ration enthält. Wenn die Ration bereits ausreichend grobe Partikel enthält, aber die Energieversorgung oder Aufnahme knapp ist, kann weiteres schwer verdauliches Futter den Engpass verschärfen.
