Wie gut Rinder mit Vitamin E versorgt sind, hängt davon ab, wie viel das Futter nach Ernte und Lagerung noch enthält. Das Vitamin muss über die Nahrung aufgenommen werden. Es schützt Zellen vor oxidativen Schäden und unterstützt unter anderem die Funktion von Muskeln und Nerven.
Getreidewerte allein zeigen nicht, ob eine Ration genug Vitamin E enthält. Wichtig sind auch die Art des Futters, seine Konservierung und die Leistungsphase der Tiere. Eine Berechnung der gesamten Ration gibt erste Hinweise. Bei konkretem Verdacht auf einen Mangel helfen eine fachliche Beurteilung und gegebenenfalls eine Blutuntersuchung.
Welche Futtermittel Vitamin E liefern
Frisches Grünfutter kann Vitamin E liefern. Allgemeine Tabellen zeigen jedoch nicht zuverlässig, wie viel Vitamin E im Heu oder in der Silage eines einzelnen Betriebs steckt. Der Gehalt hängt unter anderem von Ernte und Konservierung ab. Bei der Gärung werden fettlösliche Vitamine abgebaut. Durchschnittswerte für Futtermittel dienen daher nur als grobe Orientierung. Darauf weist auch der Beitrag zu Vitamin E und Futterqualität hin.
Auch Getreide enthält Vitamin E. Die Menge unterscheidet sich je nach Getreideart. Eine veröffentlichte Übersicht nennt folgende Orientierungswerte:
| Getreide | Vitamin E in IU je kg |
|---|---|
| Buchweizen | 17,4 |
| Gerste | 9,8 |
| Weizen | 8,1 |
| Roggen | 5,5 |
| Hafer, ganz | 3,73 |
Die Werte gelten für das jeweilige Getreide, nicht für die fertige Ration. Sie ersetzen keine Analyse des eigenen Futters und zeigen allein nicht, ob eine Kuh genug Vitamin E erhält. Bei der Beurteilung der Ration zählen auch Menge und Zustand von Grünfutter, Heu oder Silage sowie die verwendeten Mineralfuttermittel.
Ergänzungsfutter enthält häufig synthetisches Vitamin E als Rac-α-Tocopherylacetat. Der Körper kann die natürliche und die synthetische Form unterschiedlich gut nutzen. Ein Vergleich nur anhand der Milligramm-Angabe kann deshalb irreführen. Entscheidend sind die Produktangaben und die Berechnung für die gesamte Ration.
Wann eine Unterversorgung relevant wird
Vitamin E wirkt als Antioxidans. Das heißt, es hilft, Zellen vor Schäden durch reaktive Stoffe zu schützen. Eine unzureichende Versorgung vor dem Abkalben steht mit mehr Nachgeburtsverhalten und Euterentzündungen in Verbindung. Auch die Fortpflanzungsleistung von Kühen und Bullen kann darunter leiden. Diese Probleme sind Warnhinweise, beweisen aber keinen Vitamin-E-Mangel. Sie können auch andere Ursachen haben.
Eine kontrollierte Studie an Holstein- und Jersey-Kühen verglich verschiedene Mengen an Vitamin-E-Ergänzung. Das Futter enthielt wenig Selen. In der Gruppe mit der höchsten Vitamin-E-Ergänzung gab es in den ersten sieben Tagen nach dem Abkalben weniger klinische Mastitisfälle, also weniger festgestellte Euterentzündungen, als in den Vergleichsgruppen. Die untersuchten Mengen und Haltungsbedingungen gelten nur für diese Studie. Sie sind keine allgemeine Dosierungsempfehlung für andere Herden oder Rationen. Die Ergebnisse sind in der Studie zu Vitamin E und Eutergesundheit76105-8/fulltext) beschrieben.
Bei Kälbern lässt sich die Versorgung besonders schwer beurteilen. In einer Studie blieb der Vitamin-E-Spiegel im Blut über dem dort verwendeten Orientierungswert, wenn die Kälber während des Absetzens natürliches Vitamin E im Kälberstarter erhielten. Für Kälber rund um das Absetzen gibt es jedoch keine allgemein anerkannten Referenzwerte. Die Werte erwachsener Kühe lassen sich nicht einfach übertragen. Die Untersuchung an Kälbern rund ums Absetzen zeigt daher ein Studienergebnis, gibt aber keine allgemeine Fütterungsempfehlung.
So lässt sich die Versorgung einschätzen
Beurteilen Sie zuerst die gesamte Ration, denn ein einzelner Futterwert reicht dafür nicht aus. Halten Sie fest, welche Futtermittel die Tiere tatsächlich fressen und wie diese konserviert wurden. Erfassen Sie außerdem, wie viel Vitamin E über Mineral- oder Ergänzungsfutter dazukommt. Bei Silage und anderem konserviertem Futter geben Tabellenwerte den aktuellen Gehalt nur ungenau wieder. Eine Laboranalyse kann die Berechnung der Ration ergänzen, wenn das Labor den Vitamin-E-Gehalt des jeweiligen Futters bestimmen kann.
Bei erwachsenen Kühen lässt sich auch der Gehalt an α-Tocopherol im Blut messen. α-Tocopherol ist die wichtigste Form von Vitamin E im Körper. Der Blutwert dient als Maß für die Vitamin-E-Versorgung. Eine ältere Einordnung stufte bei erwachsenen Kühen Werte unter 0,5 µg/ml als niedrig, Werte von 2 bis 3 µg/ml als grenzwertig und höhere Werte als ausreichend ein. Diese Orientierungswerte sind keine allgemeingültigen Diagnosegrenzen. Auch andere Einflüsse wirken sich auf den Blutwert aus, der die Versorgung nicht allein abbildet. Für Kälber rund ums Absetzen gibt es keine entsprechend gesicherten Referenzwerte.
Lassen Sie auffällige Gesundheitsprobleme zusammen mit den Fütterungsdaten und gegebenenfalls den Blutwerten tierärztlich oder durch eine qualifizierte Fütterungsberatung beurteilen. Richten Sie eine Ergänzung nach der berechneten Gesamtration und der konkreten Situation aus, nicht nur nach einem einzelnen Symptom oder Tabellenwert.
