Bei der Selenversorgung von Rindern müssen zwei Fragen zusammen beantwortet werden: Wie viel Selen nimmt das Tier mit der gesamten Ration tatsächlich auf, und bleibt der Gehalt unter dem futtermittelrechtlichen Höchstwert? Bei der Rationsanalyse wird erfasst, wie viel Selen das Grundfutter, das Kraftfutter und das Mineralfutter liefern. Der Höchstwert begrenzt den Gesamtgehalt im Futter.
Eine Empfehlung in Milligramm je Kilogramm Trockenmasse lässt sich nicht direkt mit einem Wert je Kilogramm Futter vergleichen, wenn unterschiedliche Feuchtegehalte zugrunde liegen. Außerdem zählt bei der Ration die tatsächlich gefressene Menge, nicht nur der Selengehalt auf dem Etikett des Mineralfutters.
Bedarf und Höchstgehalt beantworten verschiedene Fragen
Die GfE, die Gesellschaft für Ernährungsphysiologie, nennt in ihren 2023 veröffentlichten Empfehlungen für Aufzuchtrinder und Milchkühe einen Richtwert von 0,2 mg Selen je kg Trockenmasse. Die Trockenmasse ist der Futteranteil ohne Wasser. Der Wert beschreibt die angestrebte Versorgung; er ist kein rechtlicher Höchstwert. Laut Zusammenfassung der Landwirtschaftskammer Niedersachsen blieb die Selenempfehlung gegenüber den GfE-Empfehlungen von 2001 unverändert.
Für den futtermittelrechtlichen Höchstgehalt verweist eine Fachveröffentlichung zu Selen im Futter auf einen Grenzwert für den Gesamtgehalt im Alleinfutter. Dieser Wert bezieht sich auf den Gesamtgehalt, also auf Selen aus allen Futterbestandteilen zusammen.
Eine Ration kann den Bedarf deutlich überschreiten, obwohl sie den rechtlichen Höchstwert noch einhält. Umgekehrt ist der Höchstwert keine Zielvorgabe für die Fütterung. Er liegt weit über dem GfE-Richtwert und dient einem anderen Zweck. Auch der in einer technischen Übersicht genannte Schwellenwert für mögliche Tiervergiftungen ordnet mögliche Tiervergiftungen ein; die rechtliche Futtergrenze bleibt der futtermittelrechtliche Höchstgehalt, und der Schwellenwert gibt kein Fütterungsziel vor.
Die gesamte Tagesration berechnen
Für die Berechnung müssen Sie die Selengehalte aller Futterbestandteile und die tatsächlich verfütterten Mengen erfassen. Dazu gehören Grundfutter wie Grassilage und Maissilage ebenso wie Kraftfutter und Mineralfutter. Der Gehalt je Kilogramm allein reicht nicht: Für die Tagesaufnahme zählt, wie viele Kilogramm davon die Kuh frisst.
Wie viel Selen das Mineralfutter täglich liefert, hängt von seinem Selengehalt und der tatsächlich verfütterten Menge ab. Für den Gesamtgehalt je kg Rationstrockenmasse müssen Sie zusätzlich das Selen aus Grund- und Kraftfutter einrechnen. Eine solche Rechnung ist keine pauschale Fütterungsempfehlung.
Eine Untersuchung von Mineralfuttern für Milchkühe fand Gehalte von 15 bis 80 mg Selen je kg Produkt. Bei einer angenommenen Trockenmasseaufnahme von 20 kg lieferte die dort ausgewertete Mineralfuttermenge im Mittel rund 0,4 mg Selen je kg Rationstrockenmasse. Die Ergebnisse beziehen sich auf die untersuchten Produkte und Mengen, nicht auf jedes Mineralfutter am Markt. Die vom Hersteller angegebene Tagesmenge passt daher nicht automatisch zu jeder Ration.
Sammeln Sie aktuelle Futteranalysen und Etikettenwerte. Setzen Sie die tatsächlich verfütterten Mengen ein und berechnen Sie daraus die tägliche Selenaufnahme sowie den Gehalt je kg Rationstrockenmasse. Bei einer rechtlichen Prüfung muss zusätzlich die passende Bezugsgröße des Höchstwerts berücksichtigt werden. Bei selbst gemischtem Futter sollte eine Fütterungsberatung oder zuständige Fachstelle klären, wie die konkrete Mischung rechtlich einzuordnen ist.
Häufige Rechen- und Fütterungsfehler
Ein häufiger Fehler ist, nur den Selengehalt des Mineralfutters anzusehen. Entscheidend ist jedoch die tägliche Selenmenge daraus, die von der tatsächlich gefressenen Menge abhängt. Wer die auf dem Sack empfohlene Menge gibt, ohne die übrige Ration einzurechnen, kann die Gesamtversorgung unnötig erhöhen. Die genannte Untersuchung stellte außerdem fest, dass bei Mineralfuttern mit höherer empfohlener Tagesmenge die Selenkonzentration nicht proportional sank.
Auch Einheiten werden leicht verwechselt: Milligramm je Kilogramm Produkt ist nicht dasselbe wie Milligramm je Kilogramm Trockenmasse. Bei feuchter Silage muss deshalb der Wasseranteil berücksichtigt werden. Ebenso dürfen Empfehlungen aus unterschiedlichen Versorgungssystemen nicht beliebig kombiniert werden. Die GfE nennt 0,2 mg/kg Trockenmasse für Aufzuchtrinder und Milchkühe; andere Systeme weisen teils andere Werte oder Unterschiede nach Produktionsstadium aus.
Ein niedriger Selengehalt im Grundfutter bedeutet nicht automatisch, dass keine Ergänzung nötig ist. Eine Untersuchung einzelner Silagen, Getreide- und Eiweißfuttermittel fand bei fast allen untersuchten Futtermitteln weniger als 100 µg Selen je kg Trockenmasse. Deshalb sollte der Betrieb die Ration prüfen. Die Untersuchung liefert aber keine pauschale Ergänzungsmenge für einen konkreten Betrieb.
Selenformen und zusätzliche Gaben berücksichtigen
Selen kommt in Futtermitteln in verschiedenen chemischen Formen vor. Dazu zählen anorganische Formen wie Natriumselenit und organische Formen wie Selenomethionin. Die GfE-Empfehlung bezieht sich auf den Gesamtgehalt und unterscheidet nicht nach diesen Formen. Eine technische Übersicht beschreibt Unterschiede in der Verfügbarkeit; bei selenangereicherter Hefe kann zudem der Anteil an Selenomethionin zwischen Produkten und Chargen variieren. Für die Rationsrechnung zählt weiterhin der angegebene Gesamtgehalt. Die Selenform liefert zusätzliche Informationen bei der Auswahl des Ergänzungsmittels.
Selenboli, also feste Präparate, die dem Rind eingegeben werden, oder Injektionen ersetzen keine berechnete Ration. Die technische Übersicht zu Selen empfiehlt solche Gaben für Tiere mit diagnostiziertem Mangel. Bei Verdacht sollten daher Tierarzt und Fütterungsberatung die Versorgung beurteilen, bevor zusätzliche Präparate eingesetzt werden.
