Am Futtertisch können Milchkühe einzelne Bestandteile einer Ration bevorzugt aufnehmen und andere liegen lassen. Dieses Sortieren heißt Futterselektion. Besonders bei einer Totale Mischration (TMR), also einem gemeinsam gemischten Futter aus Grundfutter und Ergänzungsfutter, führt es dazu, dass die Kühe nicht alle dieselbe Mischung fressen.
Lange Futterreste, von den Kühen gegrabene Stellen und Unterschiede zwischen frischem Futter und den Resten geben erste Hinweise. Wer diese Veränderungen regelmäßig prüft, erkennt, ob die Mischung auseinanderfällt und ob Fütterung oder Mischtechnik überprüft werden sollten.
Woran Sie das Sortieren am Futtertisch erkennen
Beobachten Sie, wie sich das Futter nach dem Vorlegen verändert. Bleiben lange Halme oder grobe Silagefasern liegen, während die feinen Bestandteile verschwinden, bevorzugen die Kühe wahrscheinlich die kürzeren Partikel. Sie können aber auch die feinen Bestandteile bevorzugt fressen. Welche Partikel sie auswählen, hängt von der Zusammensetzung und Beschaffenheit der Ration ab.
Typische Hinweise sind längere Futterreste, von den Kühen gegrabene „Löcher“ und unruhiges Schieben oder Wühlen am Futtertisch. Auch die Füllung des Pansens, die Beschaffenheit des Kots oder die Milchleistung können sich innerhalb einer Gruppe unterscheiden. Diese Beobachtungen zeigen zunächst nur, dass die Kühe unterschiedlich viel oder verschiedenes Futter aufnehmen, beweisen für sich allein aber nicht, welche Bestandteile der Ration sie auswählen.
Der Schaufeltest ist ein einfacher Sichttest. Nehmen Sie eine Probe der TMR, mischen Sie sie kurz durch und wenden Sie sie mit der Schaufel. Wenn sich die feinen Bestandteile unten absetzen, lässt sich die Mischung leicht auseinanderziehen. Der Test zeigt, wie sich die Bestandteile verteilen. Er misst aber nicht genau, wie stark die Kühe sortieren. Eine Beschreibung des Schaufeltests bietet auch der Fütterungsanbieter Schaumann.
Frisches Futter und Futterreste vergleichen
Um die Selektion genauer zu beurteilen, vergleichen Sie eine Probe des frisch vorgelegten Futters mit einer Probe der Futterreste. Ein Partikelsieb trennt das Futter nach der Größe der Bestandteile. Der Penn State Particle Separator ist ein Siebsatz, der den Anteil der Bestandteile in jeder Größenklasse erfasst. Die Penn State Extension beschreibt das Gerät als Hilfsmittel, um die Größe der Bestandteile in Raufutter und TMR zu beurteilen.
Nehmen Sie an mehreren Stellen des Futtertisches Proben, die für das dortige Futter stehen. Vergleichen Sie dann, welcher Anteil des Futters auf jedem Sieb liegen bleibt. Eine Beratung zur Futterselektion nennt eine Abweichung von höchstens 1 bis 2 Prozent zwischen frischem Futter und den Resten als Orientierungswert. Dieser Wert ist keine allgemeingültige Grenze. Das Ergebnis hängt davon ab, wie Sie die Proben nehmen und sieben. Eine Fütterungsberatung sollte auffällige Unterschiede einordnen.
Kontrollieren Sie das Futter auch einige Stunden nach dem Vorlegen. Sieht die Mischung dann deutlich anders aus als zu Beginn, haben die Kühe wahrscheinlich bestimmte Bestandteile bevorzugt gefressen. Aussagekräftiger wird der Vergleich, wenn Sie immer zur gleichen Tageszeit und an denselben Stellen prüfen.
Warum Kühe Bestandteile auswählen
Kühe können Bestandteile leichter sortieren, wenn sie sich deutlich in Länge, Feuchte oder Beschaffenheit unterscheiden. Sie schieben lange Futterbestandteile gezielt zur Seite. Feine Bestandteile fallen zwischen den langen Fasern nach unten. Auch eine trockene, lockere Mischung lässt sich leichter auseinandernehmen als eine feuchte, zusammenhängende Mischung. Konkurrenz am Futtertisch spielt ebenfalls eine Rolle: Kühe, die später ans Futter kommen, finden eine Mischung vor, die sich bereits verändert hat.
So fressen Kühe derselben Gruppe unterschiedliche Rationen. Eine Kuh nimmt vielleicht mehr feine oder energiereiche Bestandteile auf, während eine andere vorwiegend die übrig gebliebenen groben Fasern frisst. Die Übersichtsarbeit zu Ursachen und Folgen der Futterselektion30920-1/fulltext) beschreibt, dass Milchkühe häufig längere Futterpartikel aussortieren und kleinere bevorzugen. Dadurch verändert sich der Nährstoffgehalt des Futters, das später am Futtertisch liegt.
Die berechnete Ration, das vorgelegte Futter, das gefressene Futter und das, was die Kuh verdaut, unterscheiden sich daher möglicherweise. Wenn die Kühe grobe Fasern aussortieren, verändert sich die Zusammensetzung des gefressenen Futters. Futter mit vielen Fasern regt die Kühe zum Wiederkauen an. Dabei bilden sie Speichel, der den Säuregehalt im Pansen abpuffert. Eine veränderte Futteraufnahme beeinflusst daher die Bedingungen im Pansen. Wie stark, hängt von der Ration und dem Ausmaß der Selektion ab.
Mögliche Folgen für Leistung und Gesundheit
Starke Selektion führt dazu, dass Kühe einer Gruppe unterschiedlich fressen. Studien verbinden das Aussortieren langer Futterpartikel mit Veränderungen des Milchfettgehalts und der Milchleistung. Die Ergebnisse sind jedoch nicht einheitlich. Die Übersichtsarbeit nennt auch Studien, in denen sich keine Auswirkungen auf die Leistung zeigten. Ein niedrigerer Milchfettgehalt oder eine Verdauungsstörung lässt sich deshalb nicht allein durch Futterselektion erklären.
Wenn die Kühe die Ration unausgewogen aufnehmen, verschlechtern sich möglicherweise die Bedingungen im Pansen. Das Risiko einer Pansenübersäuerung steigt besonders, wenn Kühe viele leicht vergärbare Bestandteile und zu wenig wirksame Fasern fressen. Sehr lange Partikel lösen das Problem nicht automatisch: Die Kühe können sie aussortieren, und sehr lange Fasern erschweren eine gleichmäßige Futteraufnahme. Die Größe der Futterbestandteile muss zur gesamten Ration passen.
Eine deutsche Beratung schätzt mögliche Verluste auf 20.000 bis 80.000 Euro pro Jahr je 100 Kühe. Diese Zahl stammt aus einer einzelnen Praxisquelle und gilt nicht allgemein. Der tatsächliche Schaden hängt unter anderem davon ab, wie stark die Kühe sortieren und ob sich das auf Futterkosten, Milchleistung oder Tiergesundheit auswirkt.
Mischtechnik und Futtertisch gezielt prüfen
Wenn sich frisches Futter und die Reste deutlich unterscheiden, prüfen Sie zuerst die Mischung und ihre Herstellung. Werden die einzelnen Futterbestandteile zuverlässig abgewogen? Sind sie ähnlich lang, damit sie sich nicht leicht trennen? Sind die Messer des Futtermischwagens scharf? Stimmt die Reihenfolge, in der die Bestandteile eingefüllt werden, und wird lange genug gemischt? Diese Punkte nennt die Praxisquelle „Futterselektion – der unsichtbare Fluch“ zur Kontrolle. Die dort genannte Wiegegenauigkeit von unter 4 Prozent ist ein betrieblicher Orientierungswert, keine allgemeine Norm.
Prüfen Sie außerdem, ob die TMR sehr trocken und locker ist und ob alle Kühe gut ans Futter kommen. Bei starker Konkurrenz fressen rangniedrigere Tiere später eine Mischung, die sich bereits verändert hat. Ändern Sie nicht vorschnell nur die Schnittlänge oder die Zusammensetzung des Futters: Zu wenige lange Partikel können ebenso problematisch sein wie zu viele, die die Kühe aussortieren. Richten Sie Anpassungen nach der Ration, der Silage und den gemessenen Futterresten aus.
