Ein Kalb bekommt über die Plazenta kaum Abwehrstoffe von seiner Mutter. Es ist deshalb nach der Geburt auf Kolostrum angewiesen: die erste Milch der Kuh, auch Biestmilch genannt. Sie liefert vor allem Immunglobulin G, kurz IgG. Diese Eiweiße helfen dem Kalb, Krankheitserreger abzuwehren.
Das Kolostrum muss genügend IgG enthalten, das Kalb muss ausreichend davon trinken und die erste Tränke früh bekommen. Mit dem Brix-Wert lässt sich die Qualität der Biestmilch auf dem Hof einschätzen. Er zeigt, wie viele gelöste Stoffe die Milch enthält, und gibt damit einen brauchbaren Hinweis auf den IgG-Gehalt. Den IgG-Gehalt misst er jedoch nicht direkt.
Was ein guter Brix-Wert über Kolostrum aussagt
Für Kolostrum gilt ein Brix-Wert von mindestens 22 Prozent als gängiger Richtwert für eine gute Qualität. Ein tragbares Handrefraktometer bestimmt den Brix-Wert anhand der Lichtbrechung des Kolostrums. Weil Kolostrum mit mehr gelösten Bestandteilen meist auch mehr IgG enthält, lässt sich der Brix-Wert als praktische Schätzung nutzen. Die Genauigkeit schwankt allerdings zwischen Proben und Messungen; der Wert ersetzt keine direkte Laborbestimmung des IgG-Gehalts. Die Fachinformation des Netzwerks Fokus Tierwohl beschreibt diese Beziehung und den Richtwert.
Die Schwelle von 22 Prozent gilt für Kolostrum. Für Blutserum, also den flüssigen Anteil des Blutes eines Kalbes, liegen die vorgeschlagenen Brix-Grenzwerte deutlich niedriger. Wer den Grenzwert für Blutserum auf Biestmilch anwendet, bewertet die Probe falsch.
Das Netzwerk Fokus Tierwohl ordnet 22 % Brix einem IgG-Gehalt von mehr als 50 g/l zu. Die Messung liefert eine Schätzung. Sie zeigt nicht, ob das Kalb ausreichend getrunken hat, und erfasst auch nicht die hygienische Qualität der Milch. Ein guter Messwert ist deshalb kein Grund, die erste Tränke aufzuschieben.
Warum die erste Tränke früh erfolgen muss
Nach der Geburt nimmt der Darm des Kalbes IgG auf. Mit der Zeit kann er immer weniger davon aufnehmen. Eine erste Tränke innerhalb von ein bis zwei Stunden nach der Geburt nutzt das Zeitfenster besonders gut; langes Warten verringert die aufgenommene Menge. Die Fachinformation von Fokus Tierwohl hebt deshalb frühes Tränken als zentrale Maßnahme hervor.
Das DLG kompakt 03/2026 nennt mindestens drei Liter hochwertiges Kolostrum innerhalb der ersten beiden Lebensstunden. Das Netzwerk Fokus Tierwohl empfiehlt, die erste Gabe bereits in der ersten Stunde vorzunehmen. Beide Quellen betonen die frühe Versorgung und eine ausreichende Aufnahme. Die genauen Abläufe gehören in den mit der Bestandsbetreuung abgestimmten Tränkeplan.
Wer ein Kalb unbeaufsichtigt bei der Mutter saugen lässt, kennt die aufgenommene Menge nicht zuverlässig. Halten Sie deshalb Herkunft, Zeitpunkt und Menge der tatsächlich aufgenommenen Biestmilch fest. Trinkt ein Kalb nicht oder wirkt es auffällig, braucht es eine zeitnahe fachkundige Beurteilung; eine Kolostrum-Messung klärt die Ursache nicht.
Kolostrum sauber gewinnen und passend lagern
Keime können die Biestmilch verunreinigen und ihre Qualität mindern. Saubere Euter, Hände, Gefäße und Tränkeausrüstung senken dieses Risiko. Kolostrum, das nicht sofort verfüttert wird, sollte rasch gekühlt oder eingefroren werden, damit sich Keime nicht vermehren.
Ein Kolostrumvorrat hilft, wenn das Erstgemelk der Mutter noch nicht verfügbar ist. Kennzeichnen Sie Portionen so, dass Herkunft, Gewinnungszeitpunkt und Qualitätsmessung nachvollziehbar bleiben. Erwärmung und Lagerung müssen zu einem fachlich abgestimmten Verfahren passen: Unsachgemäße Behandlung kann die Eiweiße schädigen oder Keimwachstum fördern.
Später prüfen, ob das Kalb genügend Abwehrstoffe aufgenommen hat
Der Brix-Wert der Biestmilch beschreibt die Qualität der Tränke. Er zeigt nicht, wie viel IgG tatsächlich im Blut des Kalbes angekommen ist. Die Bestandsbetreuung kann die Versorgung anhand geeigneter Blutproben kontrollieren. Als passive Immunität bezeichnet man den Schutz durch die aufgenommenen mütterlichen Antikörper.
Ein einzelner Mindestwert beschreibt diesen Schutz nur grob. Fachleute bewerten die Versorgung dabei in mehreren Stufen statt nach einem einzigen Grenzwert. Wichtig sind deshalb die Ergebnisse einer geeigneten Gruppe von Kälbern und die Bedingungen der Probenahme. Serumwerte müssen fachkundig beurteilt werden; der Brix-Grenzwert für Kolostrum darf nicht auf Blutserum übertragen werden.
Was im Kolostrumprotokoll stehen sollte
| Eintrag | Welche Frage er beantwortet |
|---|---|
| Geburt und erste Tränke | Wie viel Zeit lag zwischen beiden? |
| Herkunft der Biestmilch | Erstgemelk der Mutter oder dokumentierter Vorrat? |
| Brix-Messung | Wie wurde die Qualität eingeschätzt? |
| Aufgenommene Menge | Was hat das Kalb tatsächlich getrunken? |
| Beobachtungen | Gab es Auffälligkeiten, die abgeklärt werden müssen? |
Der Überblick zur Kälberaufzucht behandelt die weiteren Aufzuchtabschnitte. Im Tränkeplan für Kälber geht es um den Übergang von der Erstversorgung zur Milchphase und zum Absetzen.
