Ganzpflanzensilage aus Getreide, kurz GPS, entsteht, wenn Landwirte die ganze Getreidepflanze vor der Druschreife häckseln und luftdicht lagern, damit sie durch Gärung haltbar wird. In der Rinderfütterung kann sie einen Teil des Raufutters ersetzen und Struktur in die Ration bringen. Ihr Futterwert hängt vor allem davon ab, wann das Getreide geerntet wird, wie viel Korn die Silage enthält und ob sie gut vergoren ist.
Farbe und Geruch allein zeigen den Futterwert nicht. Dafür braucht es eine Futteranalyse und den Blick auf die übrige Ration. Die folgenden Richtwerte beziehen sich auf Getreide-GPS und stammen vor allem aus Beratungsempfehlungen für Rinder. Sie sind keine pauschalen Fütterungsvorgaben für jeden Betrieb.
Der Erntezeitpunkt bestimmt Korn und Energiegehalt
Für GPS aus Weizen oder Gerste empfiehlt der Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen die Ernte in der Teigreife, dem Entwicklungsstadium BBCH 85–87. Dann ist das Korn weich, lässt sich mit dem Fingernagel eindrücken und spritzt beim Pressen nicht mehr flüssig heraus. Während die Halme bereits vergilben, sind die oberen Blätter und die Halmknoten noch grün. Das Zeitfenster ist kurz: Bei Gerste beträgt es laut hessischer Beratung etwa drei Tage, bei Weizen bis zu sieben Tage.
Als Orientierungswert nennt die Beratung bei der Ernte einen Trockenmassegehalt von 32 bis 38 Prozent. Trockenmasse, kurz TM, ist das Futter ohne Wasser. Wird zu spät geerntet, werden die Körner härter. Die Körner müssen dann ausreichend zerkleinert werden. Sonst passieren sie den Verdauungstrakt teilweise unverdaut. Laut LLH entstehen dadurch Energieverluste von bis zu 15 Prozent.
Auch die Häcksellänge beeinflusst die Nutzung: Als Richtwert gelten theoretisch 6 bis 8 Millimeter. Die Körner sollen vollständig zerkleinert und die Halme aufgespalten sein. So können die Tiere das Futter nutzen, und die Halme geben der Ration Struktur. Bei späterer Ernte sind eine intensivere Zerkleinerung oder Quetschwalzen nötig. Begrannte Sorten wie Wintergerste werden schlechter gefressen, wenn die Grannen nicht ausreichend zerkleinert sind.
Diese Merkmale zeigen den Futterwert
Der Energiegehalt hängt stark davon ab, wie viel Korn im Verhältnis zu Stroh und Halm enthalten ist. Für mehr als 6,0 MJ Nettoenergie Laktation (NEL) je Kilogramm TM nennt der LLH einen Kornanteil von etwa 50 bis 60 Prozent und einen Stärkegehalt von mehr als 15 Prozent der TM als Voraussetzung. NEL gibt an, wie viel Energie das Futter für die Milchbildung liefert. Diese Werte sind Orientierungen, keine Garantie für einen bestimmten Energiegehalt: Sorte, Erntezeitpunkt und Aufbereitung spielen ebenfalls eine Rolle.
Für gute GPS-Qualität nennt der LLH außerdem weniger als 24 Prozent Rohfaser und weniger als 45 Prozent NDF in der TM. NDF bezeichnet die Zellwandbestandteile des Futters und gibt Hinweise auf dessen Fasergehalt. Nach den Versuchen des LLH lassen sich diese Werte bei Weizen und Triticale mit einer Stoppelhöhe von mindestens 30 Zentimetern erreichen. Bei Roggen brachte die höhere Stoppel in den beschriebenen Versuchen keinen entsprechenden Energiegewinn. Die Wirkung einer höheren Schnitthöhe ist also nicht für alle Getreidearten gleich.
Der Rohproteingehalt liegt laut LLH bei etwa 7,4 bis 9,6 Prozent der TM. Außerdem weist GPS eine negative ruminale Stickstoffbilanz (RNB) auf, in den Angaben des LLH etwa minus 5 bis minus 7 Gramm je Kilogramm TM. Das heißt: GPS allein liefert den Mikroorganismen im Pansen zu wenig Stickstoff. In einer Ration muss dieser Beitrag mit den übrigen Futtermitteln abgestimmt werden. Die Beispiele des LLH für Milchkühe ergänzen GPS deshalb unter anderem mit Rapsextraktionsschrot.
Auch die Gärung gehört zur Qualitätsbewertung. GPS gilt als mittelschwer silierbar. Die hohlen Getreidehalme erschweren eine dichte Lagerung; eingeschlossene Luft fördert Erwärmung und Essigsäurebildung. Der LLH empfiehlt eine Verdichtung von mindestens 200 bis 240 Kilogramm TM je Kubikmeter und ein zügiges Abdecken. Weil GPS in der Teigreife wenig Nitrat enthält, besteht zudem ein Risiko für Fehlgärungen mit Buttersäurebakterien. Der LLH empfiehlt dafür geprüfte Milchsäurebakterien-Siliermittel. Konkrete Grenzwerte für pH-Wert oder Gärsäuren bei GPS sind in den verfügbaren Angaben nicht ausgewiesen.
Wann GPS in die Ration passt
GPS eignet sich als Ergänzung, wenn ein Betrieb strukturwirksames Raufutter benötigt und die Silage einen passenden Kornanteil sowie eine gute Gärqualität aufweist. Sie kann Gras- oder Maissilage teilweise ersetzen. Daraus folgt jedoch kein gleichwertiger Austausch nach Kilogramm: Wassergehalt und Nährstoffgehalt unterscheiden sich, deshalb muss die Ration auf Basis der tatsächlichen Analyse neu berechnet werden.
Als betriebliche Orientierungswerte nennt der LLH für Milchkühe etwa 10 bis 15 Kilogramm Frischmasse je Kuh und Tag. Frischmasse bezeichnet das Futter einschließlich seines Wassergehalts. Für Aufzuchtrinder, Ochsen und Masttiere ab 200 Kilogramm Lebendgewicht nennt der LLH einen Anteil von rund 20 Prozent an der täglichen Futter-TM. Diese Angaben stehen für unterschiedliche Tiergruppen und Bezugsgrößen; sie lassen sich nicht miteinander verrechnen oder ungeprüft auf jeden Bestand übertragen. Milchleistung, Grundfutter, Kraftfutter und Laborwerte müssen in die Rationsplanung einfließen.
Auch für trockenstehende Kühe, also Kühe in der Zeit vor dem Kalben, kann GPS wegen seines niedrigen Kaliumgehalts und seiner niedrigen Kationen-Anionen-Bilanz interessant sein. Diese Bilanz beschreibt das Verhältnis positiv und negativ geladener Mineralstoffe im Futter. Zugleich können Stärke und Zucker in einer solchen Ration hoch ausfallen. Der LLH nennt hierfür etwa 160 Gramm je Kilogramm TM als oberen Orientierungswert und weist darauf hin, dass die Ration gegebenenfalls mit gehäckseltem Stroh verdünnt werden muss. Das ist eine Rationsaufgabe und keine pauschale Empfehlung, GPS in dieser Menge einzusetzen.
Die Mengen und Aussagen beziehen sich auf Rinder. Sie sollten nicht auf Kälber oder Schweine übertragen werden, ohne deren eigene Fütterungsanforderungen zu berücksichtigen.
Typische Fehler bei der Bewertung
Ein häufiger Fehler ist, GPS nach Aussehen und Geruch zu beurteilen. Damit lassen sich etwa sichtbarer Schimmel oder starke Erwärmung erkennen, aber weder Energie- noch Proteingehalt zuverlässig bestimmen. Auch eine gut riechende Silage kann eine ungünstige Nährstoffzusammensetzung haben. Eine Analyse der wichtigsten Nährstoffe zeigt für sich genommen ebenfalls nicht, wie gut die Silage vergoren ist. Für eine genauere Beurteilung müssen Gärsäuren gesondert untersucht werden. Die Hinweise der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft zu Futteranalysen beziehen sich auf Grassilage; der allgemeine Punkt, dass Nährstoffanalyse und Gärqualität verschiedene Fragen beantworten, ist für die GPS-Bewertung nützlich. Die dort genannten Grenzwerte für Grassilage dürfen jedoch nicht als GPS-Grenzwerte verwendet werden.
Ebenso irreführend ist es, einen Tabellenwert oder den Wert einer früheren Ernte anstelle einer aktuellen Analyse zu verwenden. Erntejahr, Standort, Getreideart und Korn-Stroh-Verhältnis verändern die Futterqualität. Eine Probe, die für die Silage im Silo steht, hilft dabei, Trockenmasse, Energie, Stärke und Rohprotein der tatsächlich verfütterten Partie zu bestimmen.
Schließlich werden GPS und früh geerntete Grünpflanzensilage aus Getreide manchmal gleichgesetzt. Das sind unterschiedliche Futtermittel: GPS wird in der Teigreife geerntet und zielt auf einen hohen Korn- und Stärkeanteil. Eine früh geschnittene Getreidepflanze hat eine andere Zusammensetzung und darf nicht nach denselben Erwartungen bewertet werden. Auch der Vergleich mit Maissilage braucht Vorsicht: Fachinformationen beschreiben GPS im Allgemeinen als stärker strukturiert, aber nicht als automatisch gleichwertig bei Energiegehalt und Faserverdaulichkeit (Einordnung alternativer Grundfutter).
