Wer eine Futteranalyse für Rinder, Schafe oder Ziegen liest, findet dort drei ähnlich klingende Werte: Rohfaser, NDF und ADF. Sie beschreiben alle die faserigen Bestandteile von Pflanzen, messen aber unterschiedliche Anteile und beantworten verschiedene Fragen zur Futterzusammensetzung.
Die Grundlage ist die Pflanzenzellwand, die vor allem aus drei Stoffgruppen besteht: Zellulose, Hemizellulose und Lignin. NDF (neutral detergent fiber) enthält alle drei zusammen, also wesentliche Bestandteile der Zellwand. ADF (acid detergent fiber) enthält nur Zellulose und Lignin. ADL (acid detergent lignin) steht für den Ligninanteil allein. Rohfaser schließlich ist ein älterer Messwert aus der Weender Futtermittelanalyse, der einen Teil dieser Stoffe erfasst, aber weniger genau.
Je mehr Lignin in der Zellwand steckt, desto schwerer verdaulich ist das Futter. Wer die drei Werte richtig liest, kann abschätzen, wie viel Energie ein Futter liefert, wie gut es die Verdauung im Pansen anregt und ob der richtige Erntezeitpunkt verpasst wurde. Der Pansen ist einer der Vormägen der Wiederkäuer.
Was NDF, ADF und ADL genau messen
Die drei Werte stammen aus dem van-Soest-Verfahren, das die Zellwand in einzelne Bestandteile zerlegt. Das getrocknete Futter wird dafür nacheinander mit verschiedenen Lösungen behandelt. Die Pflanzenfaserbestimmung nach van Soest trennt so die einzelnen Bestandteile voneinander.
NDF ist der Rückstand nach dem Kochen in einer neutralen Waschlösung. Er enthält wesentliche Zellwandbestandteile: Hemizellulose, Zellulose und Lignin. ADF ist der Rückstand nach einer sauren Behandlung, bei der die Hemizellulose herausgelöst wird; übrig bleiben Zellulose und Lignin. ADL schließlich ist der Rückstand nach einer Behandlung mit Schwefelsäure, die auch die Zellulose auflöst; übrig bleibt nur das Lignin.
Aus den drei Werten lassen sich die einzelnen Stoffe berechnen: Hemizellulose ergibt sich aus NDF minus ADF, Zellulose aus ADF minus ADL. In Laborberichten stehen die Werte oft mit einem kleinen Zusatz wie aNDFom oder ADFom. Das „om“ bezeichnet die organische Substanz des Rückstands: Die Analyse ist um enthaltene Asche korrigiert. Das „a“ bei aNDFom steht für eine Behandlung mit Amylase, um Stärke zu entfernen. Die LfL erläutert diese Analysekennzeichnungen. Diese Zusätze ändern nicht automatisch die Bezugsgröße des Berichts. Steht dort g/kg Trockenmasse, bleibt das die Bezugsgröße; es ist kein Wert je kg aschefreier Trockenmasse.
Chemische Faser und Strukturwirkung unterscheiden
Mikroorganismen im Pansen können Zellulose und Hemizellulose abbauen und daraus Energie für das Tier bereitstellen. Lignin ist dagegen für Wiederkäuer unverdaulich und kann die Verdaulichkeit der übrigen Zellwand begrenzen. Deshalb reicht die Gesamtmenge an NDF nicht aus, um den Futterwert zu beurteilen.
Ein NDF-Wert sagt außerdem nicht allein, wie stark ein Futter das Wiederkäuen anregt. Dafür sind auch die Partikelgröße, die Verarbeitung und die gesamte Mischung entscheidend. Fein zerkleinertes Material mit viel NDF ersetzt nicht automatisch grobes, strukturwirksames Futter. Der Beitrag zur Futteranalyse ordnet diese Unterscheidung zusammen mit Eiweiß und Energie ein.
Pflanzenalter und Pflanzenart verschieben die Werte
Mit zunehmender Reife verholzen viele Futterpflanzen stärker. Der Erntezeitpunkt und die Pflanzenart beeinflussen deshalb die Faserzusammensetzung und Verdaulichkeit. Gräser und Leguminosen wie Klee oder Luzerne unterscheiden sich dabei. Die Landwirtschaftskammer Salzburg erklärt, warum Gesamtzellwand und Lignin gemeinsam betrachtet werden müssen.
Eine feste NDF-, ADF- oder ADL-Grenze für alle Futtermittel und Tiergruppen wäre irreführend. Für den Vergleich braucht man dieselbe Futtermittelart, dieselbe Bezugsgröße und passende Orientierungswerte. Einen praktischen Einstieg bietet der Vergleich von Heu und Stroh.
Rohfaser: die ältere Kenngröße aus der Weender Analyse
Vor der Einführung des van-Soest-Verfahrens war die Rohfaser der Standardwert. Sie wird in der Weender Futtermittelanalyse bestimmt und ist der Anteil, der nach dem Kochen mit Schwefelsäure und Kalilauge übrig bleibt. Dieser Rückstand enthält im Wesentlichen Zellulose, Hemizellulose und Lignin. Die starke Behandlung löst aber einen Teil dieser Stoffe heraus, sodass der Wert nur einen Teil der Zellwand erfasst.
Die beiden Verfahren messen unterschiedliche Bestandteile. Ein direkter Vergleich von Rohfaser- und NDF-Werten ist daher nicht möglich. NDF und ADF schlüsseln die Zellwand genauer auf und werden in der Rationsplanung für Wiederkäuer zunehmend genutzt. Die Rohfaser wird daneben weiterhin angegeben.
Ein einfaches Rechenbeispiel
Angenommen, ein Laborbericht nennt 480 g NDF, 300 g ADF und 40 g ADL je kg Trockenmasse. Als vereinfachte rechnerische Aufteilung ergeben sich daraus 180 g Hemizellulose (480 − 300) und 260 g Zellulose (300 − 40). Das Beispiel erklärt die Beziehung der Messgrößen; es bewertet keine konkrete Ration. Für die Differenzen müssen Analyseverfahren, Aschekorrektur und Bezugsgröße zusammenpassen.
Frischmassewerte dürfen nicht direkt mit diesen Trockenmassewerten verglichen werden. Die Umrechnung von Frischmasse und Trockenmasse zeigt die dafür nötige Rechnung.
