Futterharnstoff liefert Rindern Stickstoff. Mikroben im Pansen, einem Vormagen, nutzen ihn zum Aufbau von Eiweiß. Er eignet sich deshalb nur für Tiere mit funktionsfähigem Pansen und für Rationen, in denen Energie vorhanden ist, aber nutzbares Eiweiß fehlt. Fehlt die Energie oder gelangt der Stickstoff zu schnell in den Pansen, können die Mikroben ihn nicht ausreichend verwerten.
Für die sichere Anwendung müssen die Ration passen, die Menge berechnet und das Futter gleichmäßig sowie schrittweise verabreicht werden. Die genannten Dosierungswerte sind Orientierungen für Rinder, keine pauschale Empfehlung für einzelne Tiere. Sie gelten nicht für Schweine oder junge Kälber ohne entwickelten Pansen.
So nutzen Pansenmikroben den Harnstoff
Pansenbakterien spalten Harnstoff mithilfe des Enzyms Urease, das den Harnstoff zerlegt. Dabei entsteht Ammoniak, aus dem sich Ammonium bildet. Mit Energie aus Kohlenhydraten bauen die Mikroben aus diesem Stickstoff eigenes Eiweiß auf. Dieses Eiweiß der Mikroben, das sogenannte Mikrobenprotein, versorgt das Rind später. Die Grundlagen dazu beschreibt der Landeskontrollverband Sachsen.
Harnstoff selbst liefert keine Energie und kein Eiweiß, das den Pansen unverdaut durchquert. Der Stickstoffgehalt wird zwar in einen rechnerischen Rohproteingehalt umgerechnet: 100 Gramm Harnstoff enthalten 46 Gramm Stickstoff, rechnerisch entsprechend 287,5 Gramm Rohprotein. Das bedeutet nicht, dass das Tier damit dieselbe Menge echtes Futtereiweiß erhält. Für den Aufbau von Mikrobenprotein brauchen die Pansenbakterien gleichzeitig passende Energie aus der Ration.
Warum die Geschwindigkeit zählt
Harnstoff setzt Ammoniak schnell frei. Steigt die Ammoniakmenge schneller, als die Mikroben sie mit verfügbarer Energie verwerten können, sammelt sich überschüssiges Ammoniak im Pansen. Es gelangt durch die Pansenwand zur Leber und wird dort zu Harnstoff umgewandelt, der überwiegend über den Harn ausgeschieden wird. Ein Teil des Stickstoffs geht damit für den Aufbau von Mikrobenprotein verloren.
Die Ammoniakfreisetzung muss deshalb dazu passen, wie schnell die Kohlenhydrate verfügbar und verdaulich sind. Eine Maissilage-reiche Ration kann dafür geeigneter sein als eine Ration, die bereits viel leicht verfügbaren Stickstoff enthält. Langsamer freisetzende Produkte lösen das Abstimmungsproblem nicht automatisch; auch dort muss die Freisetzung zur Energieversorgung der Pansenmikroben passen.
Welche Rationen sich eignen
Harnstoff kommt infrage, wenn die Ration den Energiebedarf deckt, aber einen Mangel an Rohprotein aufweist. Bei der Rationsberechnung müssen deshalb der gesamte Stickstoff- und Eiweißbedarf sowie die Energieversorgung berücksichtigt werden. Hochleistende Kühe brauchen außerdem Eiweiß, das im Pansen nicht abgebaut wird, und im Darm verfügbare Aminosäuren. Harnstoff ersetzt diese Versorgung nicht.
Weniger geeignet sind Rationen mit viel löslichem Stickstoff, etwa aus feuchter Grassilage. Dort ist der Stickstoff bereits rasch verfügbar; zusätzlicher Harnstoff kann den Überschuss vergrößern. Ein hoher Harnstoffgehalt der Milch zeigt für sich allein weder, wie viel Eiweiß die Kuh frisst, noch wie gut sie es nutzt. Sie muss zusammen mit Ration, Wasseraufnahme und Laktationsstadium beurteilt werden.
Dosierung: Orientierungswerte richtig einordnen
Eine Zusammenfassung des Merkblatts der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) nennt für Milchkühe und Mastbullen ab 200 Kilogramm Lebendgewicht höchstens 15 Gramm je 100 Kilogramm Lebendgewicht als Orientierungswert für die Fütterung. Trockenmasse ist das Futtergewicht ohne Wasser. Für Milchkühe nennt dieselbe Quelle außerdem Höchstgrenzen von 10 Gramm je Kilogramm Trockenmasse und höchstens 30 Prozent des gesamten Rationsstickstoffs aus Harnstoff. Diese Werte gibt DEUKA mit Bezug auf das LfL-Merkblatt von Januar 2021 wieder.
Eine weitere Quelle nennt bis zu 20 Gramm je 100 Kilogramm Körpergewicht. Die Angaben weichen voneinander ab, und für den Wert von 20 Gramm ist kein aktuelles Datum genannt. Deshalb sollten die Werte weder gemittelt noch als allgemeine Freigabe verstanden werden. Maßgeblich sind die aktuelle Rechtslage, die Rationsberechnung und eine Beratung für den jeweiligen Betrieb.
Gleichmäßig mischen und langsam anfangen
Harnstoff darf nicht lose über den Futtertisch oder in den Trog gestreut werden. So verteilt er sich ungleichmäßig, und einzelne Tiere können eine konzentrierte Menge aufnehmen. Besonders gefährlich ist der Kontakt mit Wasser und nicht erhitzten Sojaprodukten: Enzyme in Soja können dann viel Ammoniak freisetzen. Der Landeskontrollverband Sachsen warnt vor schweren Schäden und Todesfällen bei dieser Kombination.
Harnstoff sollte trocken gelagert und gründlich mit dem übrigen Futter vermischt werden. Reiner Harnstoff lässt sich dabei schwer gleichmäßig einmischen; ein geeignetes Ergänzungsfuttermittel kann die Handhabung erleichtern. Bei der Einführung empfiehlt der Landeskontrollverband Sachsen, zunächst mit einer reduzierten Menge zu beginnen. Danach wird die Menge schrittweise erhöht, sofern Ration und Futteraufnahme dazu passen.
Wurde der Harnstoff falsch gemischt oder versehentlich zu hoch dosiert, darf die betreffende Ration nicht weiter verfüttert werden. Kontaktieren Sie umgehend den Tierarzt. Überschüssiges Ammoniak kann die Futteraufnahme und die Pansenfermentation beeinträchtigen und Leber sowie Nieren belasten. Eine konkrete Behandlung nach einer Überdosierung lässt sich aus den genannten Fütterungsempfehlungen nicht ableiten.
Aufzeichnungen und Kennzeichnung prüfen
Für reinen Futterharnstoff nennt die DEUKA-Veröffentlichung von 2021 Registrierungs-, Melde- und Dokumentationspflichten, darunter Aufzeichnungen nach einem HACCP-Konzept zur Gefahrenanalyse und Kontrolle wichtiger Punkte. Bei Harnstoff in einem Eiweißergänzer ist der Gehalt laut derselben Veröffentlichung in der Futterdeklaration angegeben, zum Beispiel mit 20.000 Milligramm je Kilogramm für zwei Prozent Harnstoff. Da sich Zuständigkeiten und Anforderungen je nach Bundesland unterscheiden können und die Angaben von 2021 stammen, sollte der Betrieb die aktuell geltenden Vorgaben bei der zuständigen Futtermittelüberwachung prüfen.
