Neue Fütterungskonzepte sollen ein konkretes Problem lösen: etwa schwankende Qualität des Grundfutters, also zum Beispiel von Gras- oder Maissilage, eine unpassende Energieversorgung oder hohe Futterkosten. Dazu gehört mehr als ein neues Futtermittel. Auch eine andere Berechnung der Ration, also der Futtermengen für ein Tier, eine genauere Futteranalyse oder eine neue Art der Fütterungskontrolle kann eine Innovation sein.
Vor der Einführung im Stall müssen Betriebe klären: Passt die Idee zur Tierart und zum Betrieb? Lässt sich ihr Nutzen verlässlich messen? Und gelten die Ergebnisse auch, wenn sich Futterlieferungen oder Haltungsbedingungen ändern? Beispiele aus der neuen Futterbewertung für Wiederkäuer zeigen, wie Forschung, Prüfung und betriebliche Umsetzung zusammenhängen.
Am Anfang steht ein Fütterungsproblem
Oft fällt zuerst im Stall oder bei der Futterbewertung ein Problem auf. Ein Betrieb stellt zum Beispiel fest, dass die gemessenen Werte seiner Grassilage nicht mehr gut zur bisherigen Berechnung der Futterration passen. Forschende, Beratungsfachleute, Labore oder Futtermittelhersteller können darauf mit verschiedenen Ansätzen reagieren: mit einer neuen Berechnung, einer veränderten Mischung oder einer genaueren Kontrolle der gefressenen Futtermengen.
Ein Beispiel ist die Bewertung des Energiegehalts. Die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) hat mit ihrem Merkblatt 503 Berechnungswege für Einzel- und Mischfuttermittel zusammengestellt. Die passende Gleichung hängt davon ab, für welchen Futtertyp sie entwickelt und geprüft wurde. Für Wiederkäuer gehen die Empfehlungen der Gesellschaft für Ernährungsphysiologie (GfE) aus dem Jahr 2023 bei der Energiebewertung von Bruttoenergie und der Verdaulichkeit der organischen Masse aus. Bruttoenergie bezeichnet die gesamte Energie im Futter; die Verdaulichkeit beschreibt, welcher Anteil davon für das Tier verfügbar wird. Daraus wird die umsetzbare Energie in mehreren Schritten berechnet. Die DLG-Erläuterung zum Merkblatt 503 betont, dass Berechnungen innerhalb ihres jeweiligen Gültigkeitsbereichs bleiben müssen.
Das ist auch für den Vergleich zwischen Tierarten wichtig. Bei Schweinefutter wird die umsetzbare Energie für Schweine herangezogen. Für Wiederkäuer gelten andere Grundlagen und Berechnungswege. Werte aus verschiedenen Bewertungssystemen lassen sich daher nicht einfach austauschen. Wer etwa einen älteren Energiewert oder einen Proteinwert aus einem früheren System übernimmt, riskiert eine falsch berechnete Ration.
Versuche müssen zur Frage passen
Ein berechneter Futterwert zeigt noch nicht, wie ein Tier das Futter tatsächlich verwertet. Deshalb prüfen Forschende und Fachleute neue Bewertungsverfahren mit Messungen und Fütterungsversuchen. Verdaulichkeitsversuche erfassen, welcher Anteil der Nährstoffe aufgenommen und verwertet wird. Bei Wiederkäuern dienen dafür auch Schafe als Versuchstiere. Die DLG empfiehlt solche Versuche ergänzend zu Fütterungsversuchen, etwa wenn Berechnungsgleichungen entwickelt oder abgesichert werden.
Ein Fütterungsversuch beantwortet eine andere Frage: Was verändert sich, wenn Tiere eine bestimmte Ration oder einen bestimmten Futterbestandteil erhalten? Dazu zählen zum Beispiel die gefressene Futtermenge, die Leistung und weitere für den Versuch relevante Tierdaten. Entscheidend ist, dass die Prüfung zur späteren Anwendung passt. Ergebnisse bei einer Tierart oder unter einer bestimmten Fütterungsbedingung belegen nicht automatisch denselben Nutzen bei Kälbern, Schweinen oder Milchkühen.
Für die Praxis zählt außerdem, ob die Berechnung auch für die Futtermittel gilt, an denen sie geprüft wurde. Die DLG weist darauf hin, dass die gesetzlich vorgesehenen Gleichungen zur Energieangabe von Mischfuttern das fertige Futter bewerten. Für die Bewertung einzelner Futtermittel eignen sie sich nicht ohne Weiteres. Eine Zahl ist also erst dann aussagekräftig, wenn klar ist, wofür sie gilt und wie sie ermittelt wurde.
Eine gute Probe entscheidet über die Ration
Im Betrieb hängt die Qualität einer neuen Rationsberechnung zunächst von den Eingangsdaten ab. Eine Futteranalyse hilft nur, wenn die Probe das eingelagerte Futter gut abbildet. Die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) empfiehlt, Silage frühestens sechs Wochen nach der Einsilierung zu beproben. Für eine repräsentative Probe sollen mehrere Stellen berücksichtigt werden; bei einer Bohrprobe nennt die LfL mindestens drei Bohrungen bis zum Siloboden.
Wie stark eine schlechte Probe die Rechnung verfälscht, zeigt ein LfL-Beispiel mit Maissilage: Eine Probe ergab 25,2 Prozent Trockenmasse, also Futter ohne Wasser, während das tatsächlich verfütterte Material 32,5 Prozent aufwies. Bei 20 Kilogramm frischem Futter je Tier und Tag hätte die Rechnung damit 5,0 statt 6,5 Kilogramm Trockenmasse ergeben. Die Hinweise zur Futterprobenahme und Analyse erklären auch, dass Nahinfrarotspektroskopie, kurz NIRS, Futterbestandteile anhand von Vergleichsdaten schätzt. Das Labor muss dafür die passende Futterart kennen. Mineralstoffe lassen sich mit NIRS nicht bestimmen und brauchen eine gesonderte Analyse.
Die Einführung einer neuen Bewertungsmethode sollte deshalb mit einer aktuellen Futteranalyse beginnen. Betriebe sollten außerdem alte und neue Kennzahlen nicht ungeprüft vermischen. Bei der Umstellung auf die GfE-Empfehlungen für Wiederkäuer wurden alte und neue Werte zeitweise parallel ausgewiesen, um den Übergang zu erleichtern. Für die Grassilageernte 2025 berichtete das Bayerische LKV-Futterlabor über 1.650 ausgewertete Proben und zunächst gute Energie- und Proteinwerte nach beiden Bewertungsansätzen. Dieses Zwischenergebnis bezog sich auf bayerische Grassilagen dieser Ernte und war kein abschließendes Urteil über die neue Bewertung in allen Regionen.
Im Stall zählen nachvollziehbare Ergebnisse
Eine Lösung ist praxisreif, wenn der Betrieb erkennen kann, welche Voraussetzungen sie braucht und was sich durch ihre Anwendung verändert. Dazu gehört eine klare Angabe, für welche Tierart, Futtermittel und Fütterungssituation die Methode geprüft wurde. Ebenso wichtig sind verständliche Berechnungsgrundlagen und eine Möglichkeit, die Ergebnisse mit aktuellen Betriebsdaten zu überprüfen.
In der Praxis lässt sich eine neue Berechnung der Futterration zunächst für einen klar abgegrenzten Bereich nutzen, etwa für eine Gruppe Milchkühe mit ähnlicher Leistung. Der Betrieb dokumentiert die eingesetzten Futtermengen und beobachtet, ob die erwartete Veränderung bei Futteraufnahme oder Leistung eintritt. Futteranalyse, Milchdaten und Tierbeobachtung ergänzen einander; ein einzelner Kennwert liefert keine Diagnose. Kennwerte wie das Verhältnis von Milchfett zu Milcheiweiß und der Harnstoffgehalt der Milch müssen im Zusammenhang mit dem Laktationsstadium und der Leistung betrachtet werden. Darauf weisen auch die Beratungshinweise der Landwirtschaftskammer Salzburg hin.
Auch die Umsetzbarkeit gehört zur Prüfung: Kann der Betrieb die nötigen Futterkomponenten zuverlässig beschaffen? Passt die Mischung zur vorhandenen Fütterungstechnik? Sind Probenahme und Auswertung im Alltag leistbar? Eine rechnerisch überzeugende Lösung hilft wenig, wenn die nötigen Daten fehlen oder die Zusammensetzung des Futters von Lieferung zu Lieferung stark schwankt.
