Um eine passende Ration zusammenzustellen, müssen Milchviehbetriebe den Bedarf der Kühe mit dem Nährstoffgehalt der Futtermittel abgleichen. Die Gesellschaft für Ernährungsphysiologie (GfE) hat dafür im September 2023 neue Empfehlungen veröffentlicht. Sie ersetzen die bisherigen Empfehlungen von 2001 und berücksichtigen stärker, wie viel eine Kuh frisst und wie gut sie das Futter verwertet. Die GfE stellt die Änderungen in ihrer Übersicht zur Milchkuhfütterung vor.
Die neuen Werte sind Orientierungspunkte für die Rationsberechnung, keine fertigen Futterpläne. Die GfE bewertet Energie und Protein neu. Auch bei der Strukturversorgung gelten neue Maßstäbe. Betriebe müssen Futteranalysen und Rationsprogramme auf die neuen Kennzahlen umstellen, bevor sie die Empfehlungen für die tägliche Planung nutzen können.
Energie: Die Futteraufnahme zählt stärker
Die GfE bewertet die Energieversorgung künftig mit umsetzbarer Energie, kurz ME WK2023. Das bisherige System mit Nettoenergie Laktation (NEL) wird damit abgelöst. Die ME gibt an, wie viel Energie der Kuh bleibt, nachdem die Verluste über Kot, Harn und Methan abgezogen wurden. Bei der Berechnung spielt auch eine Rolle, wie gut die Kuh die organische Masse des Futters verdaut. Organische Masse ist der Futteranteil ohne Mineralstoffe und andere Aschebestandteile.
Das neue System berücksichtigt, dass eine Kuh das Futter bei höherer Futteraufnahme anders vollständig verdaut. Das neue System bildet diesen Einfluss über das Futteraufnahmeniveau (FAN) ab. Die Futterwerte werden auf FAN1 bezogen. Das entspricht einer Aufnahme von 50 Gramm Trockenmasse je Kilogramm Körpermasse hoch 0,75. Trockenmasse ist das Futter ohne Wasser. Die LfL Bayern erläutert die neue Energiebewertung und die Bedeutung der Futteraufnahme.
Für die Rationsplanung bedeutet das: Ein Laborwert für ein Futtermittel muss zum verwendeten Bewertungssystem passen. Wird beispielsweise eine Silage in einem Programm mit ME WK2023 bewertet, dürfen Betriebe den Wert nicht einfach mit einem Bedarf aus dem alten NEL-System vergleichen. Die Empfehlungen weisen außerdem auf einen höheren Erhaltungsbedarf und einen geringeren Energiebedarf je Kilogramm Milch gegenüber dem alten System hin. Das sind Veränderungen der Berechnung, keine pauschale Aufforderung, die Ration eines Betriebs entsprechend zu erhöhen oder zu senken.
Protein: Verdauliches Eiweiß und einzelne Aminosäuren
Beim Protein löst dünndarmverdauliches Protein (sidP) das bisherige nutzbare Rohprotein (nXP) ab. sidP bezeichnet den Proteinanteil, den die Kuh im Dünndarm tatsächlich verdauen und aufnehmen kann. Er setzt sich aus verdaulichem mikrobiellem Protein und dem Futterprotein zusammen, das den Pansen unverdaut passiert. Der Pansen ist der Vormagen, in dem Mikroorganismen Futterbestandteile abbauen.
Zusätzlich führt das neue System dünndarmverdauliche Aminosäuren (sidAA) ein. Aminosäuren sind Bausteine von Eiweiß. Damit lässt sich die Versorgung einzelner Aminosäuren wie Lysin und Methionin beurteilen, statt nur den gesamten Proteinwert einer Ration zu betrachten. Das kann helfen, Protein gezielter einzusetzen und unnötig hohe Rohproteingehalte zu vermeiden. Die Empfehlungen des Landwirtschaftlichen Zentrums Baden-Württemberg beschreiben diese neue Bewertung.
Eine weitere Kennzahl ist die ruminale mikrobielle Differenz (RMD). Sie hilft, die Vorgänge im Pansen zu beurteilen. Betriebe sollten zuerst prüfen, ob ihr Rationsprogramm sidP, sidAA und RMD ausweist und ob die Futterwerte nach dem neuen Verfahren ermittelt wurden. Ein Wechsel allein der Bezeichnungen auf dem Futterbericht reicht nicht aus.
Struktur und Mineralstoffe: Auch Faser und Phosphor ändern sich
Für die Strukturversorgung tritt die physikalisch effektive Neutral-Detergenzien-Faser (peNDF) an die Stelle der Rohfaser als zentrale Kenngröße. Sie beschreibt den faserreichen Futteranteil, der durch seine Beschaffenheit zum Wiederkauen und zur Pansenfunktion beiträgt. Bei der Bewertung zählt neben dem Rohfaserwert auch, wie wirksam die Faser durch ihre Beschaffenheit ist. Die Landwirtschaftskammer Rheinland-Pfalz erläutert die Änderungen bei Faser und Mineralstoffen.
Die GfE hat die Bewertung der Phosphorversorgung angepasst. Betriebe sollten sie anhand der neuen Bewertungsgrundlagen, der tatsächlichen Futterwerte und des Bedarfs der jeweiligen Kuh berechnen; ältere Richtwerte reichen dafür allein nicht aus.
Auch die Empfehlungen für Vitamin D und Vitamin E wurden teilweise erhöht. Die Versorgungsempfehlungen sind keine Dosierungsanweisung für ein Ergänzungsfuttermittel. Für die tatsächliche Ration müssen Betriebe berücksichtigen, welche Mengen die Grund- und Ergänzungsfuttermittel bereits liefern.
Leistungsphasen: Bedarf getrennt betrachten
Die Empfehlungen richten sich nach Leistung und Zustand der Kuh. Die unterschiedlichen Bezugswerte für laktierende Kühe und Trockensteher zeigen sich auch bei den Vitaminempfehlungen. Bei der Rationsplanung sollte ein Betrieb die Tiere mindestens nach Laktation und Trockenstehzeit aufteilen. Für jede Gruppe sollte er die passende Futteraufnahme und Leistung ansetzen.
Besonders bei Kühen rund um das Abkalben ist eine sorgfältige Beurteilung der Futteraufnahme und der Rationswerte wichtig. Die neuen Kennzahlen unterstützen eine genauere Bewertung, liefern aber keine pauschale Ration für Frühlaktation, Hochleistung oder Trockenstehzeit. Konkrete Mengen müssen aus den Futteranalysen, dem Bedarf der Tiere und der betrieblichen Futtergrundlage berechnet werden. Einzelne Werte aus verschiedenen Leistungsphasen oder Bewertungssystemen miteinander zu vermischen, führt zu keiner belastbaren Ration.
So nutzen Betriebe die Empfehlungen in der Rationsplanung
Vor der Umstellung sollten Betriebe klären, welches Bewertungssystem das Rationsprogramm verwendet. Die neuen Empfehlungen erfordern angepasste Rationsprogramme. Auch Futterwerttabellen und Arbeitsunterlagen müssen angepasst werden. Bis die Umstellung in der Praxis abgeschlossen ist, bleibt das bisherige System eine geeignete Grundlage für Rationsberechnungen. Die Einführung wurde in der Fachinformation des Landes Rheinland-Pfalz frühestens ab 2026 erwartet.
Für eine spätere Berechnung nach GfE 2023 sollten Betriebe zuerst die Futterwerte ihrer wichtigsten Grundfuttermittel prüfen lassen. Danach müssen sie sicherstellen, dass Laborwerte und Kennzahlen zum neuen System passen. Anschließend lassen sich die Rationen für unterschiedliche Tiergruppen getrennt berechnen und mit der tatsächlichen Futteraufnahme abgleichen. Die überarbeiteten DLG-Futterwerttabellen für Wiederkäuer dienen als wichtige Grundlage, sofern sie für die jeweilige Berechnung verwendet werden.
Bei den Rohnährstoffen ändern sich außerdem die Abkürzungen: Aus XP, XF, XL und XA werden CP, CF, CL und CA. Wer ältere Futterberichte oder Tabellen weiter nutzt, sollte deshalb prüfen, welche Bezeichnung und welches Bewertungssystem dahinterstehen. Bis Programme und Daten vollständig umgestellt sind, sollten Betriebe nicht Werte aus alter und neuer Berechnung in einer Ration vermischen.
